Die Geburt in Köln

10.11.2003

Morgens auf der Arbeit meldest Du Dich wie üblich um 8 Uhr und strampelst und flutscht in mir rum, stößt ständig gegen die Bauchdecke, dass es mich richtig kitzelt. Ich sitz mit meiner Kollegin beim Kaffee und muss die ganze Zeit nur grinsen. Der Tag vergeht, abends hab ich das erste Mal Schwangerschaftsgymnastik im AKH Viersen. Und hab keinen Bock, weil ich nicht weiß, was mich erwartet.War froh überhaupt was gefunden zu haben, was man ohne Mann machen kann. Wie hätte ich Lothar zu sowas hinschleppen können? Na, gar nicht. Ich komm nachmittags von der Arbeit, surf nochmal kurz durchs Netz. Wenn ich dann dabei im Bürostuhl sitz und meine Beine auf dem Mülleimer hab, ist das für Dich der Startschuss für die Schwimmübungen, Du eckst wieder links an, wieder rechts, drehst und wendest Dich. Es wird langsam abend und ich ratlos, was ich bloß anziehen soll. Passt ja eh nix richtig...finde noch ne weite Leggins und nen alten Rolli. Fühl mich total unwohl, weiß nicht wo ich hin muss etc. Naja, irgendwie bin ich hingekommen, hab die Stunde rumhopsen über mich ergehen lassen und bin befreit wieder heim gefahren. Aber innerlich sträubte sich alles in mir wieder da hin zu müssen. Und ich sag noch zu Dir, dass das nur Deine Schuld ist, dass ich zu so einem doofen Kursus muss. Verzeih mir, ich habs nicht so gemeint. 

11.11.2003

Ich steh früh auf, hab doch etwas Muffensausen vor dem Termin bei Dr. Berschick. Frühstücke, dusch mich und zieh mich an. Dann setz ich noch kurz ne SMS an Lothar ab, dass ich jetzt zur Pränataldiagnostik fahre. Ich bin um kurz vor 8 Uhr natürlich die Erste. Muss noch kurz Papierkram erledigen und komm dann sofort dran. Dr. Berschick ist ein ganz Netter, ist vielleicht Ende 30. Ich leg mich hin und er schallt so über meinen Bauch. Ganz fasziniert bin ich davon, dass ich mich nicht drehen und wenden muss, um den Ultraschall zu verfolgen, sondern dass vom Monitor direkt ein Bild auf die Wand projeziert wird. Babyfernsehen also riesig groß und direkt vor mir. Dr. Berschick guckt nach dem Herz, weil das ja erst zu der Untersuchung geführt hat und findet es richtig gut. Es schlägt kräftig und ist total in Ordnung, also doch nur ein Kalkfleck. Vor Erleichterung atme ich auf. Dann sagt er, dass das Baby wohl noch schläft und will ihn wecken. Er rüttelt an meinem Bauch, aber Finn lässt sich nicht wecken. Er winkt mal kurz mit dem Ärmchen oder Händchen, so als wolle er sagen, lasst mich in Ruhe, ich schlafe. Ich scherze ein wenig, dass Finn bestimmt noch müde wäre von der Schwangerschaftsgymnastik bei der wir gestern waren. Naja, sagt Dr. Berschick, dann gucken wir erst mal nach den anderen Organen. Schallt hier, schallt da und fragt mich dann, ob ich wissen wolle, was es wird. Ich sag, dass Dr. Linzenbach schon nen Jungen vermutet hätte. Ja, das stimmt, sagt Dr. Berschick. Hach, was bin ich stolz. Dr. Berschick guckt also nach den anderen Organen. Anfangs hat er alles schön erklärt und viel erzählt, je länger es dauert, umso wortkarger wird er. Ich sag auch schon nix mehr und guck nur, wie er die Blutflüsse im Ultraschalldopplerverfahren darstellt. Seine Miene sieht sehr ernst aus, was mir doch etwas Angst macht. Und dann sagt er, dass wir den Kleinen jetzt mal wecken müssen. Ich muss mich also auf die Seite rollen, damit er mal runterplumpst, aber nix passiert. Er rüttelt weiter an meinem Bauch, aber Finn zuckt nur zusammen, wedelt mal ein bißchen mit den Ärmchen. Und dann sagt Dr. Berschick, dass ihm das nicht gefällt. Zeigt mir auch nochmal die inneren Organe. Was dann kam werde ich wohl in meinem Leben nicht vergessen...es sieht so aus, als wäre nur eine Niere vorhanden. Aber die Blase ist voll, also arbeite die eine Niere wohl. Aber der Darm ist echogen, zu hell. Das ist auch nicht gut. Und die Leber...sieht auch verändert aus. Ich lieg da, guck zu meinem Kind und begreif eigentlich gar nicht, was er da sagt. Ich soll mich wieder anziehen, er würde mir das jetzt nebenan nochmal richtig erklären. Und dann erklärt er mir das ganze Prozedere. Er vermutet eine Anämie bei Finn, deshalb bewegt er sich so wenig. Aber macht mir noch Mut, dass sich das nach einigen Bluttransfusionen wieder legen würde. Er könnte das zwar auch, würde aber nix riskieren wollen, weil Finn schon über 500 gr. wiegen würde und somit lebensfähig wäre. Auf jeden Fall müsste aber die Nabelschnur punktiert werden und dann könnte man direkt Blut geben. Na toll, ich sitz da, guck ihn an und mir geht nichts durch den Kopf, ich bin total geschockt. Er sagt er würde mich gern zur Uniklinik nach Köln schicken, zu Dr. Bald. Ruft seine Helferin und lässt sie in Köln anrufen, um einen Termin für mich zu arrangieren. Gut, sagt er, sie könnten auch zur Uniklinik nach Bonn fahren. Nee, Köln ist ja okay und nicht so weit wie Bonn. Jedenfalls soll ich sofort kommen, weil Dr. Bald am Donnerstag auf eine Fortbildung muss. Wie im Nebel geh ich zurück zu meinem Auto und überleg, was ich jetzt tun soll. Als Erstes hab ich Lothar gesimst: "Ich muss jetzt zur Uni nach Köln, mit dem Baby stimmt was nicht. Ich hoffe Du bist jetzt zufrieden!" Danach ruf ich meine Mutter an, dass sie mich doch bitte nach Köln bringen möge. Dann hab ich schon ne Antwort von Lothar: "Du bist doch... mir fehlen die Worte!" Zuhause ruf ich erstmal auf der Arbeit an, um zu sagen, dass ich nicht komme. Dann überleg ich wer sich solange um meine Tiere kümmern könnte, während ich weg bin. Obwohl ich ja nur von 2 Tagen KH-Aufenthalt ausgehe. Ach, da reicht Trockenfutter für die Katzis, dann bin ich ja wieder da. Ich packe meine Tasche, aber eigentlich hab ich überhaupt nix sauber. Bin ja gar nicht drauf eingestellt in die Klinik zu müssen. Hm, für 2 Tage wird wohl ein Nachthemd, eine Leggins und ein Pulli reichen. Meine Mutter kommt und begreift erst dann, dass ich in Köln bleiben muss. Okay, also nochmal zurück nach Niederkrüchten ein paar Sachen einpacken. Meine Vater ist ganz erstaunt, als wir wieder da sind. Zieht sich wortlos an, während meine Mutter noch ein paar Sachen zusammen sucht. Dann fahren wir über die A61 und A4 zur Uni-Frauenklinik nach Köln. Während wir so über die A61 fahren, denk ich noch gleich treffen wir Lothar, der uns entgegen kommt. Aber dafür ists noch zu früh, er wird wohl gegen Mittag erst an der Mosel sein. Mir gehts noch recht gut, ich mach mir zwar Sorgen, aber Dr. Berschick sagte ja es könnte nur ne Anämie sein und das wäre mit ein paar Bluttransfusionen getan. Kein schöner Gedanke, aber was würde ich nicht alles für mein Kind tun. Ich werde also auf Station 3 erwartet, wie passend, die Wöchnerinnenstation. Wir sind natürlich an der Anmeldung vorbei, so nervös war ich. Mein Mutter hat mich dann nachträglich angemeldet, als ich schon beim Ultraschall bei Dr. Bald war. Beim Ultraschall fragen sie mich noch, ob ich was dagegen hab, wenn 3 Schweizer Ärzte dabei wären.  Sie hätten grad 16 Ärzte da, die sich fortbilden. Was soll ich dagegen haben, gehe ja immer noch davon aus, dass uns geholfen wird, dass Alles okay ist. Und dann gehts los, Dr. Bald schallt und schallt. Und redet mit den Schweizern im Medizin-Deutsch. Ab und zu verliert er auch mal ein Wort an mich, wie schlecht doch die Versorgung ist. Und dass ja kein Blutfluss da wäre, da und da...ach ja, und er bestätigt den Verdacht von Dr. Berschick, dass nur eine Niere vorhanden ist, der Darm echogen wäre (also zu hell) und die Leber ist auch irgendwie anders. Warum??? Keine Antwort. Wir müssen eine Nabelschnurpunktion machen und können damit auch direkt Fruchtwasser zur Chromosomenanalyse entnehmen, sagt der Arzt (das Ergebnis hab ich übrigens heute, Samstag, noch nicht!).  Also, runter vom Tisch, in den Nebenraum, auf einen anderen Tisch. Dort wird die Nabelschnurpunktion gemacht, sie stechen durch meinen Bauch zur Nabelschnur von Finn, der sich nicht mehr bewegt. Das Herz schlägt aber noch, sogar sehr kräftig, kein Wunder, er kämpfte ja schon mit dem Tod. Versuchte wohl verzweifelt sich am Leben zu erhalten, so hat mir das der Arzt erklärt. Der Druck reichte aber nur noch fürs Herz und das Gehirn. Beim ersten Einstich kommt kein Blut von der Nabelschnur, also noch ein Versuch an anderer Stelle. Auch kein Erfolg, also nur Fruchtwasser entnommen. Der Arzt sagt, der Blutdruck von Finn wäre schon sehr niedrig. Na bitte, und jetzt? Warum holen sie ihn dann nicht jetzt schon??? Ja, wir warten auf die Fruchtwasseranalyse bis morgen, dann liegen die Ergebnisse vor. Und dann punktieren wir vielleicht das Herz, das ist sogar besser als die Nabelschnur. Ich frag mich, wieso sie das nicht direkt machen. Na gut, man vertraut ja den Ärzten. Sie unterhalten sich noch ne Weile im Medizinerdeutsch, und natürlich im Schweizer Dütsch. Ich geh wieder auf Station, zu meiner Bettnachbarin und meiner Mutter. Meine Bettnachbarin hat ein paar Tage zuvor ein kleines Mädchen namens Rosa per Kaiserschnitt entbunden, nach Geburtsstillstand. Rosa war nach 16 Stunden Wehen einfach stecken geblieben. Tja, so kann das auch gehen. Aber sie lebt. Sie erzählt mir, dass sie Lehrerin ist. Ich erzähle ihr, dass ich Personalangelegenheiten der Lehrer an Gymnasien bearbeite. Und ich hab mir viel Stress gemacht und viel zu Herzen genommen, die letzten Wochen. Hätte ich doch nix an mich ran gelassen von den Pennern in den letzten Wochen, mir fliegen Namen zu, die ich bewußt nicht nenne, aber denen ich Allen die Schuld gebe, einschließlich mir selber. Ich hab auf den Termin bei Dr. Berschick gewartet, statt zu Dr. Kosloswski zu gehen. Und nur, weil ich mich vor über 2 Jahren nicht dort aufgehoben gefühlt hab. Ist das nicht vermessen von mir. Meine Gedanken drehen sich um die 2 Wochen zwischen Vorsorge und Termin bei Dr. Berschick. Und ich denke an Lothar, mehr als mir lieb ist. Er sitzt auf seinem Lkw. Was mag er bloß denken und fühlen. Finn war ihm ja immer egal, jetzt auch noch??? Ich versuch zu schlafen oder zu essen, hab jedes Zeitgefühl verloren. Andrea hat Besuch von ihrem Mann, einer Freundin mit Mann und Baby. Ich versuch auch meine immer wieder aufkommenden Tränen zu verbergen. Die Zeit vergeht. Der Besuch ist dann weg, klein Rosa quengelt vor sich hin. Und ich denke immer noch Alles wird gut. Die Schwester kommt und verpasst mir ne Lungenreifungsspritze. Das hatten sie mir noch zugesagt, als ich mich im Kreißsaal anmelden musste. Da hatte ich ein nettes Gespräch mit einer Hebamme. Und danach sollte mich noch ein Arzt untersuchen, wegen möglicher Komplikationen nach der Nabelschnurpunktion. Ich warte über ne Stunde, dann kommt doch noch jemand. Ich soll mich unten rum freimachen, bei offener Türe. Bin ja nicht prüde, aber muss das sein? Okay, die Hebamme kommt und schließt die Tür. Abstriche werden gemacht, ich weiß bis heute die Ergebnisse nicht, genauso wenig wie von der Chromosomenanalyse (die ja eigentlich Mittwoch nachmittag schon vorliegen sollte, aber Herr Doktor musste ja Donnerstag auf ne Fortbildung) noch von den ganzen Blutabzapfaktionen. Soviel Blut hab ich in den letzten Jahren nicht gelassen. Was mich noch halbwegs belustigt, ich hab ja genug! Abends, ich lieg im Bett, krieg ich plötzlich Schmerzen. Hm, Mutterbänder oder dies oder jenes. Heute bin ich mir sicher, das muss der Moment gewesen sein, als Finn gestorben ist. Ich mach mir Vorwürfe, hätte ich es merken müssen? Hätte ich noch zur Schwester rennen müssen? Was hätte man tun können? Aber ich hab mir nix gedacht, hab versucht zu schlafen. Ging aber nicht richtig, klein Rosa hat die ganze Nacht gegluckst. 

12.11.2003

Am nächsten Morgen gabs spät Frühstück. War grad so gegen halb 10 fertig, da sollte ich schon wieder zum Ultraschall kommen. Geh runter, meine ganzen Unterlagen in der Hand. Gut, legen sie sich hier, nee, legen sie sich da, und sie haben doch nix dagegen, dass die Schweizer wieder dabei sind. Noch Scherzchen gemacht, aber die vergingen mir schnell. Kurz geschallt, nix mehr zu sehen, kein Herzchen schlägt. Betretenes Schweigen, intrauteriner Fruchttod. Wie, so plötzlich? Wieso, warum? Ich versuch mich zu beherrschen, mein Tränen wegzudrücken. Der Schmerz von innen frisst mich auf, ich kann mein Zittern nicht kontrollieren, zum Glück liege ich immer noch. Die Schweizer sind schon wieder weg, haben sich gar nicht erst niedergelassen. Dr. Bald hat so eine kühle und nüchterne Art mir das Alles beizubringen. Ja, vielleicht war es besser so, es sah ja schon gestern nicht mehr so gut aus. In mir schreit es: Und warum haben sie ihn dann gestern nicht schon geholt??? Der Arzt versucht noch zu erklären (so eine komische Nabelschnur hab ich in den letzten 25 Jahren nur einmal gesehen), aber was gibts denn da noch zu erklären, mein Kind ist tot! Ich gehe wieder hoch, die Unterlagen in der Hand, die Tränen in den Augen, wandle durch den Flur, mein Blick bleibt am Kinderzimmer hängen, an den Bildern mit den Babies, die überall im Flur hängen. Gebe meine Unterlagen im Schwesternzimmer ab und verzieh mich auf mein Zimmer, um zu heulen. Andrea ist weg, ihr Kind und ihr Bett auch. Ihre Sachen stehen noch da. Hat man ihr schon Bescheid gesagt? Ich weiß nicht wieviel Zeit vergangen ist. Es kommt eine Schwester rein, nimmt mich in den Arm, redet mir gut zu. Ob sie was für mich tun könne. Nein, will allein sein. Dann kommen meine Eltern. Das Baby ist tot. Betroffenes Schweigen. Zeit vergeht wieder, wir reden normal über den Tod vom Kind. Später kommt eine Ärztin, um mit mir den weiteren Ablauf zu besprechen. Kaiserschnitt oder normale Geburt. Ich tendiere zum Kaiserschnitt, muss ich mich denn noch so quälen, für nix als für ein totes Kind. Sie sagt eine normale Geburt wäre einfacher körperlicher wegzustecken, weil ich keinen Schnitt hätte, am nächsten Tag heim könnte. Und beim Kaiserschnitt müsste ich noch länger im KH bleiben, das würden sie mir ersparen wollen. Außerdem könnte ich ja soviele Schmerzmittel haben wie ich wollte, man müsste ja aufs Kind keine Rücksicht mehr nehmen. Gut, also normale Geburt, Einleitung per Tablette vor den Muttermund am Morgen. Andrea kommt nochmal und sagt mir wie leid es ihr tut. Tja, nicht mehr zu ändern. Ich bin so cool, stehe neben mir. Meine Eltern gehen dann auch später. Noch später kommt der Anästhesist und erzählt mir was von Vollnarkose und Ausschabung. Ich versteh nur Bahnhof. Ich soll doch ne normale Geburt bekommen, wofür dann der ganze Heckmeck. PDA möchte ich vielleicht, aber sonst? Nee, nach ner Fehl- oder Totgeburt wird immer ne Ausschabung gemacht, falls nicht alles weg ist. Toll, ich fühl mich so scheiße, aber versuch immer noch die Fassung zu bewahren. Unterschreib ihm alles, von wegen Aufklärung, nur damit er geht. Er sagt noch ich darf ab 22 Uhr nicht mehr essen und ab 24 Uhr nicht mehr trinken. Erscheint mir jetzt auch wie Hohn, weil Finn ja erst Freitag Nacht geboren ist.
Dann kommt nochmal der Stationsarzt, um mit mir über die Ausschabung zu sprechen. Wie nett, doch schon. Erzählt und erzählt, ich unterschreib wieder alles, damit er geht. Dann meint er noch, ob ich einer Obduktion des Kindes zustimme. Ja, sag ich, will ja wissen, warum er tot ist. Und dann labert er was von Sammelurnenbestattung. Und als ich sag, dass ich mein Kind selber bestatten will, guckt er mich total irritiert an. Naja, gut, wenn sie das wollen. Will das sonst Keiner? Lassen die etwa alle ihr Kind im Mülleimer bestatten oder als Versuchskaninchen im Labor zurück? Ich bin fassungslos. Der Abend geht auch wieder nicht vorbei. Der Professor schaut spät nochmal rein, drückt mir sein Mitgefühl aus und versichert mir nochmal, dass ich ja keine Schmerzen haben bräuchte, man wolle mich nicht noch zusätzlich quälen. Schön, dabei hatte ich doch noch gar keinem richtig gesagt, dass ich ne normale Geburt will. Gehen aber alle von aus. Okay, ich füge mich wieder in mein Schicksal. Lass mir von der Schwester ne Schlaftablette geben, die hilft aber nur bis um 3 Uhr nachts, danach wälze ich mich nur hin und her. 

13.11.2003

Am Morgen wasch ich mich und zieh so einen Schlafanzug von meiner Mutter an (den hatte ich Freitags mittags übrigens immer noch an). Ich frühstücke, darf ich auch, sagt der Stationsarzt, obwohl der Anästhesist was Anderes gesagt hat.Weiß hier eigentlich der eine Arzt, was der Andere sagt? Und dann wird mir die Tablette vor den Muttermund gelegt, zur Einleitung. Ich bekomme leichte Schmerzen, als wenn ich meine Tage hätte, aber sehr leicht. Mittags kommen nochmal meine Eltern. Die 2 Tablette wird gelegt. Es tut sich ein bißchen was mehr. Stärkere Periodenschmerzen, mein Gefühl. Nachmittags kommen Eva und Alex. Na, Du Arme, haste es schon hinter Dir? Nee, sag ich, Kind ist noch im Bauch. Eva rastet fast aus. Das können die doch nicht machen mit Dir, das ist ne Sauerei, Du leidest doch schon genug. Mein Schmerzen werden stärker. Ich verlange um 17 Uhr meine erste Infusion. Davon gehen aber die Schmerzen nicht weg, ich fahr nur Karussel und werd müde. Die 2 gehen wieder. Ich bin allein, hab Schmerzen und versuch zu schlafen. Im Laufe des Abends und der Nacht krieg ich noch 3 oder 4 Infusionen mit Schmerzmitteln, andere Medikamente als das Erste. Muss ständig aufs Klo, weil ich Durchfall hab. Irgendwie fühl ich mich schon so, als wenn ich das gar nicht wäre. Ich vegetier nur noch dahin, was haben die mir bloß in die Infusionen getan?

14.11.2003

Gegen 12 oder 1 Uhr bekomm ich noch ne Infusion, die so bis 2 Uhr läuft, aber danach halt ich es nicht mehr aus, will um viertel nach 2 in den Kreißsaal. Minütlich schmerzt es jetzt, ich weiß nicht, ob das Wehen sind. Alle sagen, es drückt im Rücken. Bei mir drückt gar nix im Rücken, es schmerzt nur in der Blase. Ich meine immer ich müsste aufs Klo. Mittlerweile unten sind die Schmerzen so stark, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Die Schwester will mich untersuchen, geht nicht, kann mich nicht drehen, lieg auf der Seite und jammer. Und schreie, dass Prof. Mallmann mir doch zugesichert hätte ich bräuchte mich nicht quälen. Ich krieg noch ne Infusion, glaube ich, merke aber gar nix davon. Die Schwester untersucht mich und ich jammer nur so vor mich hin. Muss wohl auch fantasiert haben und noch mit ihr gesprochen haben. Jedenfalls fragt sie mich, wollen sie noch wohin gehen? Ich muss aufs Klo, verdammt. Sagt sie, nein, das ist das Kind, das drückt. Ich hab das Gefühl, dass mein Unterleib explodiert. Sie verlässt das Zimmer. Ich lieg da und weiß nicht, was mit mir passiert. Ich rufe quasi um Hilfe, hallo, kann mal wer kommen, ich muss pressen, pressen...die Fruchtblase platzt, ein Gefühl, als wenn man alles unter sich lässt. Aber ein wahnsinnig erleichterndes Gefühl. Und ich denk auch noch, dass das Kind schon mit draußen wäre. Nein, mittlerweile zu zweit, reißen sie mir die Beine auseinander und fordern mich auf weiter zu pressen. Ich muss aber gar nicht mehr. Ich tu es trotzdem, nachdem mir Eine auf dem Bauch rumdrückt und die Andere irgendwas am Damm rumfummelt. Dieser Schmerz...ich kneif die Beine zusammen, sie schreien mich an, ich soll gefälligst die Beine offen lassen. Nachher seh ich, dass Finn ein Stück der Nase fehlt. War das meine Schuld, weil ich die Beine zusammengedrückt hab? Dann flutscht was Warmes aus mir raus, ich bin total fertig. Eine Hebamme geht weg, nimmt wohl das Kind mit. Die Andere drückt und massiert meinen Bauch, damit die Plazenta kommt. Und flutscht, ist die wohl auch da. Und das Alles im Klinikbett. Nix PDA und nix gemütlicher Kreißsaal, einfach im Bett in einem mini Untersuchungsraum. Hm, wenn ich daran zurück denk kommts mir hoch. Ich erinner mich wieder an die ganzen Sprüche, dass ich mich nicht noch quälen bräuchte. Und was war das dann? Ein Spaziergang? Ich lieg da, starre an die Decke und fühl mich total ausgelaugt. Und merke erst jetzt, dass ich schon wieder ne Infusion im Arm hab. Schmerzmittel? Dann kommt schon der Arzt, der die Ausschabung machen soll. Und der Anästhestist. Er gähnt sich tot, es ist ja schließlich 3 Uhr nachts. Dann kommt die Hebamme und fragt, ob ich das Kind nochmal sehen will. Ich hab Tränen in den Augen stehen, wie sieht er denn aus, ich hab Angst. Er sieht ganz normal aus, nur ein bißchen rot. Kein Monster? Ich hab noch immer im Kopf, dass er behindert ist. Nein, kein Monster, ein richtiges Baby, nur halt kleiner. 31 cm und 520 gr. Sie bringt Finn rein, in einem Körbchen, in weiße Handtücher gewickelt. Ich seh ihn an und mich durchflutet so ein merkwürdiges Gefühl, ist das Mutterliebe? Zu einem toten Kind? Mir stehen wieder die Tränen in den Augen. Sie deckt ihn ganz auf. Ich seh seine Händchen, die sie schon zusammengelegt haben, als würde er beten. Seine Beinchen liegen auch übereinander und er hat so kleine Füßchen, aber schon so perfekt. Er ist sehr hübsch. Ich ertappe mich dabei, wie ich an Lothar denke. Er sieht aus wie er, wirklich. Und ich seh Finn vor mir, größer, mit blonden Haare und blauen Augen, wie sein Papa. Aber seine Augen waren zu, sein Mund war ganz rot und stand etwas offen. Und ein Stück seiner Nase fehlte, auch löste sich schon etwas Haut von seinen Beinen, weil er ja schon 2 Tage tot war. Sie können ihn auch anfassen, sagte die Schwester. Ich kann nicht, ich kann einfach nicht. Jetzt bereu ich es, dass ich ihn nicht berührt habe, aber ich konnte einfach nicht. Sie sagt ich könne ihn morgen nochmal sehen, bevor er zur Pathologie gebracht wird. Dann bringen sie mich in den OP zur Ausschabung. Ich will ja gar nix meckern, immerhin hab ich geschlafen, aber die Behandlung vor 2 Jahren in AKH-Viersen war first Class, da wurde man auf einem automatischen Tisch vom Bett auf den OP-Tisch befördert. Hier musste ich selber auf die verschiedenen OP-Tische klettern. Es war gruselig. Vor Allem hatte ich immer noch meinen Schlafanzug vom Vortag an. Kein OP-Hemd, gar nix. Nur so ein komisches, grünes Häubchen für die Haare. Dann bekam ich die Narkose von dem immer noch gähnenden Arzt und war bis 4 Uhr weg. Da war ich dann auf dem Weg mit dem Fahrstuhl nach oben in mein Zimmer. Bekam noch so ein schickes Netzhöschen und ne Vorlage verpaßt und hab erstmal bis 8 Uhr geschlafen. Wach auf und seh ne Infusion, die noch halb voll ist und nicht mehr läuft. Klingel nach der Schwester. Sie kommt, richtet meinen Arm und es läuft wieder. Frühstücken durfte ich dann auch. Bekomm noch Tabletten, damit keine Milch einschießt, wofür auch. Aber bin/war ja in einer grenzwertigen Schwangerschaftswoche. Soll, wenn meine Brüste hart werden, auch sofort zum Gyn gehen, dann müsste ich nochmal Tabletten bekommen. So gegen 9 Uhr war die Infusion durch, ich klingel wieder nach der Schwester und will, dass der ganze Zugang rausgemacht wird. Ich wollte mich halt noch duschen, lag ja immer noch im Schlafanzug und müffelte vor mich hin. Und dann wollte ich nochmal zu Finn. Wußte ja nicht, wann sie ihn wegbringen. Wartete ne Stunde, es geschah nix. Klingelte wieder nach der Schwester. Wie, Zugang immer noch nicht raus, ich sag nochmal der andere Schwester Bescheid. Es tat sich wieder ne halbe Stunde nix. Ich nochmal geklingelt. Jaja, ich sag nochmal Bescheid. Um elf Uhr wurde ich langsam panisch, wollte doch mein Kind sehen. Und Keiner macht den Zugang raus. Also auf den Flur und der Schwester nachgerannt. Wie, immer noch den Zugang drin? Hm, dann mach ich den ihnen raus. Wär das nicht schon bei erstem Mal gegangen??? Ich watschel langsam wieder auf mein Zimmer, freu mich auf ne Dusche, da ruft sie mich zurück, wenn ich mein Kind nochmal sehen wolle, müsste ich jetzt sofort runter gehen, sonst würden sie ihn wegbringen. Ich dann also kehrt gemacht, immer noch im Schlafanzug, miefig auf dem Weg zum Fahrstuhl. Aber das war mir jetzt egal, ich wollte zu meinem Kind. Im Kreißsaal brachte man mich wieder in den Raum, wo ich entbunden hatte. Dann kam die Hebamme wieder mit dem Körbchen, wo Finn in den weißen Handtüchern lag. Er sah noch genauso aus wie nachts, nur er war schon so kalt. Diesmal hab ich ihn berührt, geküßt, auf die Stirn, die Wange. Und meine Tränen liefen und liefen. Mein Kind, tot, und ich konnte ihm nicht mehr helfen. Ich hab ihn immer wieder mit dem Körbchen hin und her geschuckelt, so als wenn er noch leben würde und ich ihn beruhigen müsste. Und hab leise mit ihm geredet, wie vorher schon immer im Bauch. Nur er konnte mich nicht mehr hören. Ich saß bestimmt ne Stunde da mit ihm, hab geredet, geweint, ihn angesehen, die kleinen Händchen und Füßchen, geküßt, die Wange und das Köpfchen gestreichelt. Dann kam ne Schwester rein und brachte mir ein 2-seitiges Heftchen, in dem 2 Fotos von Finn eingeklebt sind und seine Fußabdrücke sind. Weiterhin ist das Geburtsdatum mit Uhrzeit, Größe und Gewicht eingetragen, ich hab dann noch den Namen von Finn, Meinen und Lothars nachgetragen. Und dann hab ich ihr gesagt, dass sie ihn mitnehmen kann. Sie meinte, er müsste jetzt auch langsam in die Pathologie, weil er sonst anfängt zu riechen. Es tat mir so weh, als sie ging, weil ich wußte, dass sie ihn in die kalte Pathalogie bringt. Und er dort ganz allein ist, ohne seine Mama. Und aufgeschnitten wird. Der Gedanke bringt mich fast um den Verstand...ich bin wieder zurück auf meinem Zimmer. Ich starre aus dem Fenster, ich heule. Oder doch nicht? Ich weiß nicht, die Zeit vergeht. Und doch nicht. Ich gucke an mir runter und streichel meinen Bauch, der gar keiner mehr ist. Der war direkt nach der Geburt schon wieder eingefallen. Ich lach mich innerlich selber aus, wie töricht ich doch bin einen Bauch zu streicheln, wo kein Baby mehr drin ist. Ich geh mich duschen, wie in Trance. Ich warte auf meine Mutter und meine Schwester, esse zwischendurch ein wenig, es schmeckt nicht. Ich sitz immer noch in Trance und starre aus dem Fenster. Wie schon die letzten 2 Tage unaufhörlich. Und heule immer wieder, sehe aus wie ein Preisboxer, mit total verquollenen Augen. Bei der Visite erfahre ich, dass ich morgen heim kann. Heim, was ist heim. Ich fühl mich nirgends mehr daheim. Ich hab alles vorbereitet für unseren Umzug in die neue, größere Wohnung. Und jetzt? Es kommt mir so unwirklich vor. Abends kam nochmal der Professor und ich musste nochmal zur Untersuchung. Er untersucht mich auf dem Stuhl, ich schmeiß das Netzhöschen und die Vorlage in den Mülleimer, in der Erwartung, dass woanders noch sowas für mich rumliegt. Falsch gedacht. Jedenfalls gibt er das okay für mich heim zu gehen. Ich will mich anziehen, finde aber kein Höschen, packe also ne Vorlage in meine Leggins und steh blöd rum. Was ist mit meinem Unterlagen, soll ich die mitnehmen? Der Prof. ist weg. Ich schnapp meine Akte und begebe mich hoch, treff ihn unterwegs auf einem der Gänge und sag ihm, dass ich die Unterlagen wieder mit hoch nehm. Nur ein Nicken von ihm. Im Fahrstuhl fällt mir auf, dass falsche Unterlagen bei Meinen sind. Von Zwillingen, die am 13.11. per Sectio in der 27. SSW kamen. Leben sie noch? Auch egal, mein Kind ist tot! Geb meine Unterlagen bei der Schwester ab und weise sie darauf hin, dass das nicht zu meinen Sachen gehört. Es ist ihr peinlich. Tja... 

15.11.2003

Kann nachts kaum schlafen, wälze mich wieder links und rechts. Morgens bin ich ganz schnell angezogen, hab gepackt und bin abfahrbereit. Bitte die Schwester für mich nochmal im Kreißsaal anzurufen, weil die mir dort noch die Nummer von der Pathologie geben wollten, für den Bestatter. Irgendwann kommt ne Ärztin, sagt, sie macht die Papiere fertig und ich könne dann gehen, bräuchte nicht auf Visite warten. Ich warte also im Zimmer auf meine Papiere, meine Mutter kommt, wir verlassen das Zimmer. Es vergeht wieder Zeit, wir warten im Besucherraum, Visite ist schon fast. Ich fühl mich grad tierisch verarscht. Die Schwester kommt, sie sind ja immer noch da. Ich sag, ja, ich warte ja auch auf meine Sachen. Ach, die sind doch schon längst fertig. Hallo? Muss ich, wo ich schon zig Mal deshalb gefragt hatte, immer noch dahinter herlaufen? Und im Kreißsaal hatten sie auch noch nicht angerufen, dreimal versprochen...toll. Zum Schluß noch die Nummer bekommen und total enttäuscht heim gegangen. 

Mein Resumé: Nie wieder Uni-Frauenklinik in Köln!!!

Ich wollte nochmal erwähnen, dass es eine scheiß Situation war, auch für die Schwestern und Ärzte, immerhin lag ich ja auf der Wöchnerinnenstation. Und die Meisten haben sich wirklich sehr um mich bemüht und ich weiß ja auch, dass wir alle nur Menschen sind. Trotzdem hab ich mich manchmal ganz schön mies behandelt gefühlt. Danken möchte ich aber all den Schwestern, die wirklich Mitgefühl gezeigt haben, sofern das möglich war. Ich weiß leider die Namen nicht, es gab soviele, Schwester "So-und-so" und Schwester "Keine-Ahnung"... Dr. Bald danke ich jetzt mal nicht, weil irgendwie war der mir doch ne Spur zu kühl. Prof. Mallmann war zwar bemüht und auch sehr betroffen, aber eben der Typ zerstreuter Professor. Was nützt mir die Privatbehandlung, wenn die Stations- oder Dienstärzte viel besser mit den Patienten umgehen.