Die Zeit danach

Nun, wie überlebt man die erste Zeit, das habe ich mich lange gefragt. Es geht, weil es gehen muss. So würde ich es beschreiben, es war niemals von mir gewollt. Von mir aus hätte am nächsten Tag die Welt untergehen können. Zu allem Elend hatte ich ja noch den Umzug vor mir. Das hat mich nochmal ne Menge an Kraft gekostet. Und ohne meine Eltern hätte ich das wohl nicht geschafft, danke. Kisten packen usw. und in eine Wohnung ziehen, die eigentlich für uns 2, für Finn und für mich, gedacht war. Und nun musste ich alleine wieder nach Brüggen zurück ziehen, wo ich bereits nach dem Scheitern meiner Ehe vor 8 Jahren gewohnt hatte. Das waren eigentlich 3 schöne Jahre und auch der Ort ist sehr schön. Vor Allem wieder näher zur Familie, aber weit, weit weg zur Arbeit in Düsseldorf. Schicksal, dass ich nach dem Mutterschutz wieder jeden Tag 100 km auf mich nehmen muss. Aber es war ja alles anders geplant...3 Jahre Elternzeit, nach ein paar Monaten halbe Tage arbeiten und Finn wäre dann bei Oma gut aufgehoben gewesen.

Der Umzug war dann Anfang Dezember irgendwie erledigt, die alte Wohnung war ich dann zum Glück Anfang Januar los. Aber ich quälte mich halt so durch den Tag, es kam Weihnachten und verging wieder, es kam Silvester und das neue Jahr kam. Aber alles ist völlig bedeutungslos gewesen. Immer wieder kamen nur die Gedanken hoch wie es wohl gewesen wäre, wenn Finn noch da wäre. Wie groß der Bauch an Weihnachten gewesen wäre, wie wohl Finn´s Augen gestrahlt hätten an Weihnachten im nächsten Jahr. Und immer wieder schlich sich dieser Gedanke ein, dass ich was nicht zu Ende gebracht hatte. Ich wollte wieder schwanger sein. Aber ich wollte ja nicht irgendein Kind, kein Ersatzkind. Ich wollte meinen Finn wieder. Das geht wohl Jedem so, man will einfach die Zeit zurück drehen, kann nicht das Unabänderliche akzeptieren. Dann kam Karneval, was aber vollkommen an mir vorbei ging. Schwer verständlich, wo ich doch sonst so ein großer Karnevalsjeck bin. Aber da war dieses Wissen, wäre Finn vielleicht jetzt schon dagewesen? Einige Babies in dem Forum, in dem ich mir mal meine Tage während der Schwangerschaft vertrieben habe, sind schon Mitte Februar zur Welt gekommen. Und sie waren nach Finn ausgezählt.

Der Entbindungstermin ist wohl eine der schwierigen Hürden, die man so zu bestehen hat. Dann das Ende des Mutterschutzes und wieder zum "geregelten" Leben übergehen. Arbeiten gehen werde ich wohl nur noch, um Geld zu verdienen. Ich muss ja für mich selber sorgen. Und ich muss mir was "Gutes" tun. Ich habe viel Geld verschwendet in der letzten Zeit, mir eine neue Küche gekauft, eine Digitalkamera und eine neue Couch. Diese Dinge hätte ich mir alle nicht gekauft, wenn Finn noch da wäre. Dann  hätte ich das Geld besser gebraucht, für uns, für unser Leben. Aber jetzt lebe ich wieder allein, also warum gönn ich mir nicht mal was. Es ist zwar alles schön und neu, aber es hat einen schalen Nachgeschmack und bringt nur kurzzeitig Freude. Es bedeutet mir nichts mehr...

 

Stark sein

Ich soll stark sein, warum?

Ich soll stark sein,

wenn ich mich auch schwach fühle. 

Ich soll stark sein,
für euch, damit ihr meine Tränen nicht seht.

Ich soll stark sein,

damit ihr euch gut fühlen könnt.

Ich soll stark sein,

damit ihr euch nicht fürchten müsst vor meinen Gefühlen.

Ich soll stark sein,

damit ihr fröhlich sein könnt.

Ich soll stark sein,

damit ihr nicht die Straßenseite wechseln müsst.

Ich soll stark sein,

damit ihr mich ansehen könnt.

Ich soll stark sein,

für euch, die ihr mich nicht schwach sehen wollt

Dieses Gedicht hab ich im I-Net gefunden, weiß aber leider nicht mehr wo. Falls der Autor dies findet, 
ich habs nicht absichtlich "geklaut", es passte nur so sehr zu meiner Situation!!!

 

Der ungebetene Gast

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Die Trauer ist ein unerwarteter Gast. Eines schönen Tages klopft sie an Deine Tür und fragt nicht erst, ob sie hereinkommen darf, sondern sie setzt sich mitten in Dein Wohnzimmer und macht es sich bequem und gemütlich.
Am Anfang denkt man sich *nun gut, irgendwo muss sie ja sein* und bleibt gastfreundlich.
Dann kommt der Punkt, wo man sich denkt *nun könnte sie aber mal langsam wieder gehen* und versucht, mit allerlei diplomatischen und weniger diplomatischen Mitteln, sie dazu zu bringen, aufzustehen und sich zu verabschieden, weil man gern mal wieder für sich sein möchte. Aber nein, sie hockt da, stumm und unversöhnlich und bewegt sich keinen Fleck.
Man versucht sie raus zu zerren, raus zu ekeln - aber sie sitzt da einfach. Jeden Tag versucht man es wieder, doch wie ein Sack nasser Zement thront sie auf Deinem Sofa und schaut Dir die ganze Zeit über die Schulter. Du fühlst Dich beobachtet und unwohl - aber sie sitzt da einfach. Und schweigt. Und wartet. Und weiß nicht mal worauf, geschweige denn wie lang.
Und noch ein Tag und noch ein Versuch, sie zum gehen zu bewegen. Herrgott, in unserer modernen Welt muss es doch möglich sein, der Lage Herr zu werden! Aber nein, dieses Ding hockt da wie eine Spinne im Netz und wartet.

Okay, raus will sie nicht. In Deinem Wohnzimmer ist zuwenig Platz. Also fängst du an, Dich an sie zu gewöhnen. Stellst den Tisch ein bisschen weiter da und den Stuhl ein bisschen weiter dort - und nun sitzt sie zwar noch immer da, aber nicht mehr in der Mitte. AHA - denkst Du Dir! Ich kann sie nicht zum Gehen bewegen - aber ich kann mich um sie herum bewegen. Ein bisschen Möbel umstellen, ein bisschen Perspektive wechseln und schon sieht sie nicht mehr so bedrohlich aus. Tatsächlich kannst Du sogar um sie herumgehen und sie von hinten anschauen - unspektakulär..
Weitere Tage vergehen und sie setzt schon langsam ein bisschen Staub an, bis sie sich plötzlich wieder mal schüttelt, eine Trauer-Staubwolke aufsteigt und Dich einhüllt. *hust* . Du stellst den Tisch noch ein bisschen mehr dort und den Stuhl noch ein bisschen mehr da, und auf einmal ist sie nur noch der Rand Deines Wohnzimmers und nicht mehr das Zentrum.
Aber sie sitzt noch immer da. Manchmal wirft sie Dir einen vorwurfsvollen Blick zu und Du fühlst dich versucht, sie wieder in die Mitte auszurichten. Manchmal schüttelt sie sich und hüllt Dich in eine Staubwolke...
Aber irgendwann ist sie so eins geworden mit Deinem Wohnzimmer, dass Du sie nicht mal mehr siehst, außer wenn sie sich grad schüttelt.

Und so hast Du aus der Not eine Tugend gemacht und dank dem ungebetenen Gast, der nicht mehr gehen wollte, eine ganz neue Perspektive in Dein Leben gebracht. Und würde man nun die Trauer aus Deinem Wohnzimmer entfernen - so würde ein hässlicher, kahler Fleck bleiben, weil da auf einmal etwas fehlt.

 

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